Mit tiefer Betroffenheit haben wir im Mai vom Tod der georgischen Germanistin, Doktorin der Philologie und ehemaligen Leiterin des Lehrstuhls für Germanistik an der Staatlichen Iwane-Dschawachischwili-Universität, Lali Ketsba-Khundadze, erfahren.
Professorin Ketsba-Khundadze leitete den Lehrstuhl für Germanistik über Jahrzehnte hinweg und wahrte dabei stets die höchsten theoretischen und praktischen Standards der Lehre. Unter ihrer Führung wurden bedeutende Schritte in der Entwicklung der Germanistik unternommen, enge internationale Beziehungen aufgebaut und eine ganze Generation von Fachkräften ausgebildet, die heute sowohl in Georgien als auch darüber hinaus erfolgreich tätig sind.
Sie hat maßgeblich zur Vertiefung der Zusammenarbeit mit deutschsprachigen Partneruniversitäten und -organisationen (darunter dem DAAD) beigetragen.
DAAD Georgien
Prof. Dr. Sibylle Schönborn, Heinrich-Heine-Universität DüsseldorfLali Ketsba-Khundadse
war seit 2006 als Professorin für Germanistik und als Lehrstuhlinhaberin an der Staatlichen Ivane Dshavakhishvili Universität Tbilissi das Gesicht der georgischen Germanistik. In der Sprachwissenschaft beheimatet, vertrat sie das gesamte Fach und bewegte sich ganz selbstverständlich auch über Fachgrenzen hinaus. So hatte sie sich 1973 mit einer Dissertation Linguistisch-stilistische Analyse der literarischen Briefe von Thomas Mann und Rainer Maria Rilke in Moskau promoviert.
Ihre Lehrstuhlleitung fiel in die Zeit des demokratischen Aufbruchs nach der Rosenrevolution 2003. Unter dem Rektorat von Giorgi Khubua sollte eine grundsätzliche Reform der Universität in Angriff genommen werden. In der Deutschen Philologie arbeitete man unter ihrer Leitung voller Energie, mit Ideenreichtum und Kreativität an einem neuen, zeitgemäßen Curriculum.
Daher war sie nicht nur eine fachwissenschaftliche Autorität und Botschafterin der Freien Künste, sondern auch eine genaue Beobachterin und sensible Zeitzeugin der historischen Umbrüche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Schließlich war Lali Ketsba-Khundadse eine Dichtergermanistin, die die deutsche Sprache, die ihr zur zweiten Muttersprache geworden war, virtuos in überraschende lyrische Sprachkunstwerke verwandeln konnte.
Ihre Stimme wurde gehört und hatte Gewicht. Sie wird in Zukunft fehlen.
Wenn sie Theorien der Semantik, Sprachphilosophie oder deutsche Literatur und Kultur ihren Schülerinnen und Schülern in Vorlesungen und Seminaren unermüdlich zu vermitteln suchte, dann wurden ihre Veranstaltungen zu mehr als reiner Wissensvermittlung, nämlich im besten Humboldtschen Sinne zu Bildungsereignissen, die Generationen von Studierenden als Persönlichkeiten geformt und geprägt haben. Wer sich zu ihrem Schülerinnenkreis rechnen durfte, der konnte sich glücklich schätzen, eine wissenschaftliche Adoptivmutter fürs Leben gewonnen zu haben, die sie über ihr Studium hinaus auf ihrem gesamten Lebensweg beratend und fördernd begleitete.
Der legendäre Ort ihrer Lehre bestand aus dem Lehrstuhlbüro; Wohnzimmer, Salon, Bibliothek zugleich – ein Ort der wissenschaftlichen Gemeinschaft. Hier scharten sich die Studierenden ebenso wie Kolleginnen und Kollegen um den runden Tisch, der das Zentrum des kreativen, wissenschaftlichen Austauschs bildete. Hier wurden Pläne geschmiedet, Projekte entworfen, hier wurde diskutiert und manchmal auch gestritten, aber immer nach strengen demokratischen Spielregeln. Hier hatte Lali Ketsa-Khundadse einen Schon- und Schutzraum des freiheitlichen Diskurses geschaffen, in dem sich alle willkommen, frei und sicher fühlen konnten.
Meine georgischen Studentinnen am Germanistischen Institut der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf – allen voran Tinatin Gogsadze – waren es, die mein Interesse für ihr Land und ihre Herkunftsuniversität, die traditionsreiche Staatliche Ivane Dshavakhishvili Universität Tbilissi, weckten und den Kontakt zu Frau Lali, wie sie sie nannten, herstellten. Daraus entstand 2007 unsere Germanistische Institutspartnerschaft, die über zehn Jahre andauerte und an der sich viele Kollegen der HHU wie Dietrich Busse, Helmut Brall-Tuchel, Volker C. Dörr und Christian auf der Lake beteiligten.
Neben den unzähligen Erinnerungen an Lalis georgische Gastfreundschaft, den vielen intensiven, vertrauten Gesprächen und zahlreichen gemeinsamen Projekten ist mir eine Episode von einem Besuch Lalis in Deutschland besonders nachhaltig im Gedächtnis geblieben: Auf einer nächtlichen Fahrt auf der A 44 zwischen Düsseldorf und Aachen fielen Lali nahe Jülich/Mersch die roten Positionsleuchten auf, die sich in der dunklen Nacht verteilten. Auf die Frage, was es damit auf sich habe, antwortete ich ihr, dass dies die Sendemasten der Deutschen Welle seien. Hoch emotional teilte Lali mir die Bedeutung mit, die dieser Ort für sie habe und erklärte ihr Glücksempfinden, diesen einmal ganz aus der Nähe gesehen zu haben: Denn seit jeher gehöre es zu ihrem täglichen Ritual, morgens als erstes die Deutsche Welle zu hören und so den Tag in Deutschland und mit der deutschen Sprache zu beginnen. Die Kommunikations- und Medienwissenschaftlerin, die sich noch als Kind des Radiozeitalters verstand, fühlte sich beim Zusammentreffen von Sender und Empfängerin an diesem magischen Ort der Telekommunikation zwischen ihren beiden Ländern und Sprachen, Georgien und Deutschland, im genauen Wortsinn heimisch.
In Dankbarkeit für die gemeinsamen Jahre der deutsch-georgischen Zusammenarbeit, die außergewöhnliche Freundschaft, und das einzigartige Geschenk, Georgien kennenlernen zu dürfen.
Prof. Dr. Frank Thomas Grub, Uppsala UniversitätWenn ich an Lali Ketsba-Khundadze denke, fällt mir ein, dass unsere Gespräche sich immer wieder um die Zeit drehten: „Wir sind aus der Zeit gefallen“, erklärte sie im Herbst 2003, als wir uns in Tbilissi voneinander verabschiedeten. Es war der Herbst meines ersten Aufenthalts für den DAAD in Georgien, und ich ahnte damals nicht, dass sich aus den Begegnungen in Tbilissi eine mehrere Jahrzehnte und diverse Ortswechsel meinerseits überdauernde Freundschaft entwickeln würde, der ich sehr viel verdanke.
Lali Ketsba-Khundadze war eine Germanistin, die Literatur- und Sprachwissenschaft im besten Sinne miteinander verband. Von 1961 bis 1966 studierte sie Germanistik an der Staatlichen Universität in Tbilissi; 1968 bis 1973 folgte die Aspirantur am Fremdsprachen-Institut Maurice Thorez in Moskau. 1973 wurde sie mit der Dissertation Linguistisch-stilistische Analyse der literarischen Briefe von Rainer Maria Rilke und Thomas Mann promoviert. Danach war sie Dozentin, später Professorin und seit 2006 Leiterin der Abteilung für Deutsche Philologie an der Fakultät für Geisteswissenschaften der Staatlichen Ivane-Javakhishvili-Universität.
Sie engagierte sich im Rahmen mehrerer Germanistischer Institutspartnerschaften; die GIP mit der Universität des Saarlandes führte uns zueinander. Lali Ketsba-Khundadze war Stipendiatin des DAAD, der Marion-Gräfin-Dönhoff-Stiftung und der Internationalen Goethe-Gesellschaft in Weimar. 2015 wurde sie mit der Ivane-Javakhishvili-Medaille ausgezeichnet. Seit ihrer Gründung 2013 war sie Mitglied des Advisory Boards der bei Peter Lang erscheinenden Reihe Nordeuropäische Arbeiten zur Literatur, Sprache und Kultur / Northern European Studies in Literature, Language and Culture.
Lali war auch Schriftstellerin; sie schrieb vor allem Lyrik – und zwar auf Deutsch. Und es war mir eine Freude und Ehre, vor allem in den letzten Jahren zu den ersten Lesern ihrer Texte gehören zu dürfen. Schreiben war ihr ein Bedürfnis; in Vers heißt es: „Ich schreibe keinen Vers, / er schreibt sich selbst, / wenn er, ein kleiner Funke, / eine scharlachrote Wunde, / in meinem Sinn zu brennen beginnt.“ Der 2018 erschienene Band Spiel der Laute. Deutsche Lyrik aus Georgien zeugt von der Vielfalt von Lalis poetischem Schaffen; zahlreiche weitere Gedichte sind noch unveröffentlicht.
Lali Ketsba-Khundadze engagierte sich auch in herausfordernden Zeiten für die georgische Germanistik. Von Samson (Tengis) Karbelaschwili übernahm sie die Herausgabe der von ihm begründeten Zeitschrift Germanistische Studien – eine internationale Zeitschrift des Vereins Deutsche Sprache (Georgien), die sich besonders auch für die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses einsetzte. Lali publizierte über Hermann Hesse, über Sprach- und Literaturdidaktik, über Lexikologie, über kulturkontrastive Linguistik und über Diskursanalyse, um nur einige Beispiele zu nennen.
Einen wichtigen Beitrag zu den Kulturbeziehungen zwischen Georgien und den deutschsprachigen Ländern stellt die 2005 erschienene Bibliographie Deutschsprachige Literatur in georgischer Übersetzung dar, die in mühevoller Kleinarbeit zwischen den Jahren 1852 und 2002 erschienene Texte erschließt. 2022 erschien in der renommierten UTB-Reihe der gemeinsam mit Dietrich Busse geschriebene Band Grundzüge der germanistischen Sprachwissenschaft. Eine Einführung – ein Grundlagenwerk, von dem zahlreiche Studierende im In- und Ausland profitieren.
Freundschaften spielten eine große Rolle in Lalis Leben. Oft erzählte sie mir von ihrer Freundschaft zu Sibyll Gräfin Schönfeldt, deren publizistische Texte sie ins Georgische übersetzt hatte – eine Übersetzung, die 1999 im Rahmen eines vom Goethe-Institut Tbilissi veranstalteten Übersetzerwettbewerbs mit dem 1. Preis ausgezeichnet wurde. Lali begegnete aber auch dem legendären Pianisten Svjatoslav Richter. Und viele ihrer Gedichte sind Widmungsgedichte: „für Dirk Tiedemann“, „für Anja“, „für Jörg Buse“, „für Irene Brauer“, „für Friederike Schmöe“, „für meine Freundinnen“, „für Giwi Margwelaschwili“.
An den Gedichten wird ein Netz von Beziehungen sichtbar, zu denen natürlich auch die Familie gehört: „für meinen Sohn“, „für Roman und Luca“, „für meinen Mann“, „für meine Schwester“. Dieses Netz schließt auch diejenigen mit ein, die nicht mehr da sind: „zum Gedenken an Marion Gräfin Dönhoff“, „zum Gedenken an Werner Keller“, „zum Gedenken an Gert Hummel“, „zum Gedenken an meinen Mann“. Und so bleiben diejenigen, die gewesen sind, präsent: für Lali, aber auch für uns, die ihre Gedichte lesen und wiederlesen.
Nun ist auch Lali nicht mehr da, aber sie hat viele Spuren hinterlassen, die bleiben: Für ihre Studentinnen und Studenten engagierte sie sich vorbehalts- und selbstlos. Sie hatte eine starke Meinung, zu der sie auch stand; zugleich verfügte sie über eine große Überzeugungsgabe. Sie war bescheiden und großzügig. Erst später verstand ich, dass sie zu den Menschen gehörte, die viele ihrer Fähigkeiten verbargen und somit ihr Licht buchstäblich hinter den Scheffel stellten. Zu den Fähigkeiten, die sie nicht verbergen konnte, gehörten ihre Kochkünste, mit denen sie ihre Gäste verwöhnte.
Abschied nahmen wir voneinander im vergangenen Jahr: nach einem Abend in Rezo Gabriadzes Marionettentheater. Wir hatten den größten Teil des Tages miteinander verbracht und nach der Vorstellung spontan gemeinsam zu Abend gegessen. Zurück im Hotel dachte ich an viele Begegnungen mit Lali zurück, unter anderem an einen Ausflug zum Schildkrötensee, der für sie ein besonderer Ort war. Ein poetisches Denkmal setzte sie dem Schildkrötensee im gleichnamigen Gedicht. Hier werden existentielle Fragen gestellt: „Ob sich die gähnende Leere der Welt / mit Wahrheit und Wärme füllen wird? / Ob auch von Langsamen einmal das Leben eingeholt wird?“
Lali wird für immer einen Platz in den Herzen vieler Menschen haben, darunter auch in meinem.
Gebhard Reul, DAAD BonnEin Mensch mit Rückgrat - Erinnerungen an Lali Ketsba-Khundadze
Lali Ketsba-Khundadze habe ich 2006 kennengelernt, kurz nachdem sie die Leitung des Lehrstuhls für Deutsche Philologie an der Staatlichen Universität Tbilissi übernommen hatte. Ich bewunderte ihren persönlichen Einsatz für die Studierenden und DoktorandInnen. Dass sie Privatissima in ihrer Privatwohnung abhielt, war für mich überraschend, das kannte ich aus Deutschland nicht. Es zeigte mir aber, wie sehr ihr die Förderung ihrer Studierenden und DoktorandInnen am Herzen lag – nicht nur, aber besonders der hervorragenden Nachwuchsgermanistinnen und -germanisten. Mindestens ebenso sehr bewunderte ich an ihr ihre Charakterstärke und Unerschrockenheit. Mit Kompromissen tat sie sich schwer, aber Opportunismus war ihr ein Graus, für den sie höchstens spöttischen Hohn übrig hatte. Naturgemäß eckte sie damit an, aber das war ihr egal. Besonders nach den Entwicklungen ab Oktober 2024 nötigte mir ihre klare Haltung höchsten Respekt ab. Gehörte man aber beispielsweise zu ihrer deutschsprachigen oder deutschaffinen akademischen Gemeinschaft, dann zeigte sich ihre große Menschlichkeit und Liebenswürdigkeit. Ihre Kontakte zum deutschsprachigen Ausland waren ihr immer wichtig, und sie pflegte sie nicht zuletzt auch über Germanistische Institutspartnerschaften. Aus der langjährigen Partnerschaft mit der Universität Düsseldorf ging auch die Einführung „Grundzüge der germanistischen Sprachwissenschaft“ hervor, die sie gemeinsam mit Dietrich Busse verfasst hatte und die 2022 in einem renommierten Wissenschaftsverlag in Deutschland erschien – nur ein Beispiel für ihre großen wissenschaftlichen Qualitäten. Als Peter Handke 2019 den Literaturnobelpreis erhielt, schickte sie ihm ein Glückwunschschreiben – und wie glücklich war sie, als sie von ihm ein mehrseitiges Antwortschreiben erhielt! Überhaupt die deutsche Sprache – das war für sie ein inneres Exil, ein Fluchtpunkt vor der schwierigen Gegenwart. Sie brauchte diesen Ausgleich, und am besten gelang er ihr, indem sie deutsche Gedichte schrieb. Ich hatte die Ehre und das Vergnügen, im Gespräch mit ihr im Mai 2019 ihren Gedichtband „Spiel der Laute“ im Schriftstellerhaus präsentieren zu dürfen. In den Gedichten zeigte sich ein Mensch, der aufmerksam die Mitwelt, die Wunder und Schönheiten der Natur beobachtet und in Worte fasst, aber auch menschliche Verhaltensweisen je nachdem bewundernd schaut oder mit leichter Ironie durchschaut. Nach dem Erscheinen des Gedichtbandes gab Nino Haratischwili eine treffende Beschreibung ihrer Gedichte:
"Lali Ketsba-Khundadzes Gedichte sind zarte Bestandsaufnahmen, nahezu flüchtig mutet die Sprache an, demütig vor den Worten, mit denen sie beschreibt und vor den Dingen und Gefühlen, die sie festzuhalten versucht. Sie haben etwas von einer urplötzlich aufgekommenen Sommerbrise, die durch eine offene Balkontür rein weht und die schnell vorbeizieht und doch bleiben ihre Worte, wie nahezu unmerkliche Abdrücke auf der Haut, in den Gedanken. Brüchig und zaghaft, sanft und voller Liebe und Staunen über alles, was es zu beschreiben und festzuhalten gilt".
So hat sich Lali Ketsba-Khundadze in mehrfacher Hinsicht um die deutsche Sprache und die Germanistik verdient gemacht – durch ihre akademisch-wissenschaftliche Tätigkeit, die Generationen von GermanistInnen geprägt hat, aber auch durch ihre Gedichte, die sie uns geschenkt hat. Für mich bleibt sie immer ein Vorbild für Mut und Menschlichkeit.
Prof. Dr. Levan Tsagareli, Staatliche Ilia-Universität, TbilissiEs gibt Menschen, deren Lebensweg leise verläuft und dennoch eine ganze Fachwelt prägt; Menschen, die nicht im Vordergrund stehen wollen und gerade dadurch zu Orientierungspunkten werden. Lali Ketsba‑Khundadze gehörte zu ihnen. Ihr Wirken war kein lautes, kein selbstinszeniertes — und doch war es von einer Strahlkraft, die Generationen von Germanistinnen und Germanisten geprägt hat.
Ich begegnete ihr im ersten Studienjahr. Sie unterrichtete die Einführung in die germanistische Sprachwissenschaft und erkannte sofort, wie ernst ich die Sache nahm. Sie förderte mich, schickte mich zu den Schillertagen nach Weimar und erklärte mir — mit jener ihr eigenen leidenschaftlichen Eindringlichkeit — den Unterschied zwischen einer echten wissenschaftlichen Arbeit und einer bloßen Kompilation. Diese Lektion hat mich mein ganzes akademisches Leben begleitet. Später befreite sie mich sogar von der Stilistikprüfung, kurz bevor ich nach Hamburg aufbrach. Unser Kontakt riss nie ab; er wurde mit den Jahren nur enger.
Frau Lali, wie wir sie alle nannten, war eine Frau von fast radikaler Selbstkritik. Sie verbarg ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten, als seien sie etwas, das man schützen müsse. Zugleich war sie eine bemerkenswert schöne und anmutige Frau, der ihr eigenes Äußeres jedoch völlig gleichgültig war. Ihr Leben gehörte der Wissenschaft, der Lehre, der Betreuung von Generationen von Studierenden, der Zusammenarbeit mit deutschen Kolleginnen und Kollegen und der Leitung mehrerer Studienprogramme. Und doch war sie eine der tragenden Säulen der georgischen Germanistik. Sie prägte Generationen von Studierenden — nicht nur durch Wissen, sondern durch Haltung. Sie lehrte uns Genauigkeit, Verantwortung, Wahrhaftigkeit.
Erst spät entdeckte sie ihre poetische Stimme. Ich erinnere mich gut an die Tage, an denen wir gemeinsam die Lyrikwerkstatt des deutschen Dichters Peter Gosse besuchten. Ihre Augen funkelten, als sie ihre ersten Gedichte vorlas. Diese Aufregung blieb ihr bis zuletzt — weder die Veröffentlichung ihres Gedichtbandes noch der herzliche Brief von Peter Handke konnten sie mindern. Dichtung war für sie kein Nebenprodukt, sondern ein spätes, tiefes Aufleuchten.
Als ich sie kurz vor Ostern besuchte, sagte sie: „Ich habe nur etwa achtzig neue Gedichte.“ Es war ihr zu wenig. Sie litt darunter, dass sie nicht mehr hatte schreiben können. Und sie litt darunter, dass sie ihr ganzes Leben der Ausbildung, der Forschung, der Betreuung und der akademischen Verantwortung gewidmet hatte — und dennoch nie Zeit gefunden hatte, diese unermessliche Welt zu sehen. „Wer braucht denn meine Bücher und Artikel?“, fragte sie mich. Heute wissen wir die Antwort: Wir alle. Denn mit ihren wissenschaftlichen und poetischen Texten bleibt sie bei uns. Mit ihrer Stimme, die nie laut war und doch unüberhörbar bleibt. Und mit ihrer Sprache, die uns — wie sie selbst — geborgen hält.
Ihr Gedicht Geborgte Sprache spricht heute mit einer Klarheit, die über ihr Leben hinausreicht. Es ist ihre Stimme, die bleibt.
Geborgte Sprache
Vergeblich versuchst du
die Welt in deiner Sprache zu erfassen.
So vertraut
bleibt sie dir fremd.
Manchmal aber
wenn du im Kreis
einer geborgten Sprache
vorsichtig umhertastest,
trittst du hinüber
aus deiner erstarrten
in eine erlebte Welt.
Geborgen in geborgter Sprache.